Selber schuld?

Ich betrete das Wartezimmer. Ich bin mitten in der Chemotherapie, Lungenkrebs, Stadium IV. Ich will einen Lungenarzt mit in mein Ärzteteam holen. Das erscheint mir angebracht, bei dieser Erkrankung. Die Räume wirken freundlich, warme Beleuchtung, Pflanzen. Ich lasse die Augen schweifen, sie bleiben an einem Filmplakat hängen. Es zeigt James Dean in lässiger Ganzkörperpose. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ – der junge James hält beiläufig eine Zigarette in der Hand. Ich nehme wahr, dass der Arzt offenbar einen morbiden Sinn für Humor hat. Ob er auch weiß, dass James im wahren Leben an einem Autounfall verstarb?

Nach einiger Zeit werde ich aufgerufen. Im Verlauf des Anamnesegesprächs kommen wir unweigerlich auf die eine Frage zu sprechen. In meinem Bauch macht sich ein bekanntes, unangenehmes Ziehen breit. „Aha.“ Der Lungenarzt zückt seinen Kugelschreiber. Mit einem energischen „Klack“ lässt er die Mine herausspringen. Zwei kräftige Striche bei dem Ja-Kästchen. Ich war Raucherin. Jetzt bin ich krank. Tragisch, ja, aber ich bin ja auch selber schuld.

Wir müssen reden. Über das Stigma bei Lungenkrebs

• Stigmatisierung hilft niemandem. Sie schadet. In erster Linie den Patienten, die jede Hilfe und jedes Mitgefühl brauchen können. Angesichts einer solchen Diagnose und belastender Therapien helfen Selbstanklage oder unempathisches Verhalten nicht weiter. Abgesehen davon ist Rauchen eine Suchterkrankung. Ab einem bestimmten Alter, spätestens um die vierzig, raucht eigentlich niemand mehr freiwillig, sondern nur noch, weil auch der x-te Versuch davon loszukommen, erfolglos war.

• Stigmatisierung macht sprachlos. Zwei Jahre lang wusste nur mein engeres Umfeld, dass ich Lungenkrebs habe. Ich hatte Angst davor, dass aus Mitgefühl Gleichgültigkeit wird. Du wusstest doch, dass das ungesund ist. Das hast du jetzt davon. Den Rat der Psychoonkologin damals im Krankenhaus habe ich nicht befolgt, ich könnte meinen Kollegen ruhig sagen, dass ich Lungenkrebs habe. Der ein oder andere würde vielleicht mit dem Rauchen aufhören. Mein Tod hätte so wenigstens einen Sinn. Aber meine Kollegen waren mir damals, ein Tag nach der Diagnose, herzlich egal. Ich wollte mich um mich selber kümmern. Erst als ich nach einer erneuten Testung ALK-positiv war, also einen Krebs hatte, der mit Nichtrauchen assoziiert ist, habe ich die Krebsart kommuniziert. Ich hab immer gesagt, dass ich zwar immer noch Stadium IV habe, aber zumindest moralisch fein raus bin. Noch dazu war ich mittlerweile Nichtraucher.

• Das Stigma verstellt den Blick: Jeder kann Lungenkrebs bekommen. Aber gerade junge/jüngere Patienten, werden immer noch selten mit Lungenkrebs in Verbindung gebracht (vor allem, wenn sie nie geraucht haben, was bei zielgerichtet therapierbaren Patienten meistens der Fall ist; und diese Patientengruppe ist im Schnitt 20 Jahre jünger als der durchschnittliche Lungenkrebspatient mit 70 Jahren; das Problem betrifft aber auch junge/jüngere Patienten, die (wenig) rauchen oder bereits aufgehört haben). So geht oft unnötig viel Zeit verloren, weil Kurzatmigkeit zum Beispiel auf eine verschleppte Erkältung zurückgeführt wird.

• Viele Ärzte wissen, dass zum Beispiel beim ALK-positiven Lungenkrebs überproportional jüngere Frauen betroffen sind. Auch der Lungenarzt, der mir schließlich im weiteren Verlauf des Gesprächs riet, für eine Zweitmeinung in einem zertifizierten Lungenkrebszentrum vorstellig zu werden. Aber viele auch nicht. Über die letzten zehn Jahre hat sich der Anteil an Frauen, die nie geraucht haben und an Lungenkrebs erkranken, verdoppelt (siehe dazu Quellen am Ende des Artikels). Und man weiß nicht warum. Und nein, man kann das nicht nur mit Passivrauchen erklären, der letzte argumentative Strohhalm, nach dem gerne gegriffen wird.

• Lungenkrebs kann eine Folge des Rauchens sein. Aber eben nicht nur. Herz-Kreis-Lauf-Erkrankungen, Blasenkrebs, Magenkrebs – die Liste ist lang. Es ist naheliegend, Rauchen und Lungenkrebs in einen Zusammenhang zu bringen. Aber es ist eben nur ein Teilaspekt.

Lungenkrebs hat keine Lobby

Lungenkrebs spielt in der öffentlichen Aufmerksamkeit im Gegensatz zu Brustkrebs keine Rolle. Brustkrebs war lange ein Tabuthema. Lungenkrebs ist es noch. Viele Studien werden mit Brust-, Darm- und Prostatakrebspatienten durchgeführt, Forschungsvorhaben werden dorthin adressiert. Und das, obwohl Lungenkrebs in Europa die Todesursache Nummer eins ist. Es muss dringend weiter geforscht werden, um bessere Therapien zu entwickeln, wobei schon Bahnbrechendes gelungen ist. Denn dank Immuntherapien und personalisierter Medizin leben Lungenkrebspatienten tatsächlich lange genug, um überhaupt an Studien teilnehmen oder Blogartikel über Stigma schreiben zu können. Das ist für mich nur der Anfang, um Lungenkrebs und neue Therapiemöglichkeiten mehr in die Aufmerksamkeit zu bringen, bei Ärzten und der Öffentlichkeit.

Quellen/Beiträge zum steigenden Nichtraucheranteil finden sich in Medscape (2015), in der ÄrzteZeitung (2017) und der Lungeninformationsdienst hat das Thema im Januar 2021 auch noch mal aufgegriffen.

Der Beitrag wurde aktualisiert am 2. Februar 2021.

Sabine Hatzfeld

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